Der Libanon - Mit freundlichen Grüßen von der Hisbollah

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Bekaa TalLibanon - Mit freundlichen Grüßen von der Hisbollah „Alle aussteigen!". Die Stimme des Polizisten am Checkposten duldet keinen Widerspruch, und so quälen sich alle Passagiere unseres Sammeltaxis, mit dem ich von Baalbek nach Beirut unterwegs bin, aus dem Vehikel. Nun stehen wir da am Straßenrand, vor einer Art Zollhaus in den Bergen, an dessen Frontseite die Straße in mehrere Spuren aufgeteilt ist und warten. Um uns herum Koniferen-bewachsene Berge — das Libanon Gebirge. Währenddessen durchsuchen zwei Beamte unser Auto. Zwei weitere Bewaffnete behalten uns im Auge, während unser Fahrer ein paar lahme Witzchen reißt. Auf den übrigen Haltespuren geschieht das Gleiche. Die Polizisten sind nicht zum Scherzen aufgelegt, denn es ist heiß, und sie wissen nicht, worauf sie bei ihrer Suche stoßen werden. Zwei Dinge sind es vor allem, wonach die Ordnungshüter hier in den Bergen, am Übergang des Gouvernements Bekaa nach Beirut, fahnden: Waffen und Haschisch. Und das aus gutem Grund, denn im Bekaa-Tal hat die Hisbollah das Sagen, und die hat ihre Finger in ziemlich vielen Machtspielchen der Region. Zwar ist die Hisbollah offiziell an der Regierungsmacht des Libanon beteiligt, doch sie ist zugleich die mächtigste Interessenvertretung der Schiiten im Land und damit auf die Wahrung ihrer Position bedacht. Egal, ob im Kampf gegen Israel, den sie im Süden des Landes führt, oder gegen sunnitische Miliztruppen des Libanon, ihre Konflikte regelt die Hisbollah häufig mit Waffengewalt. Mit dem Assad-Regime und den Machthabern im fernen Teheran versteht sie sich hingegen prächtig. Für ihren Kampf um die Macht benötigt die Hisbollah Geld — viel Geld. Und das verdient sie neuerdings wieder stärker mit den Erlösen aus dem Cannabis-Handel Hanfsamen kaufen. Dass sie dafür — einigermaßen unislamisch — mit Narko-Geschäftsleuten kooperiert, für die sie ansonsten bestenfalls Verachtung übrig haben, stört in diesem Fall nicht. Natürlich betätigt sich die Hisbollah nicht selbst als Cannabis-Bauer oder -Händler, aber sie gewährt den entsprechenden Berufsgruppen in ihrem Einflussbereich Schutz, Waffen und Unterstützung. Dafür kassiert sie Gebühren, mit denen sie wiederum Waffen erwerben kann, um ihren Machteinfluss zu sichern; eine Art Perpetuum mobile. Auch der Cannabis-Handel mit dem bürgerkriegsgeplagten Syrien floriert derzeit prächtig. Die Bauern im Bekaa-Tal freut es, denn mit dem seit 2006 wieder aufgefrischten Anbau und Verkauf von Haschisch und Haschisch-Pulver verdienen sie erheblich mehr als mit Kartoffeln oder Möhren. Das ist auch nötig, denn traditionell ist das Bekaa-Tal das Armenhaus des Landes. Auch zahlreiche Flüchtlinge aus dem nahegelegenen Syrien profitieren vom erneuten Cannabis-Boom im Libanon, schließlich können sie während der Saison als Erntehelfer arbeiten. Weniger erfreut darüber sind die offiziellen Ordnungshüter des Landes, die immer wieder ausrücken müssen, um Hanffelder aufzuspüren und zu vernichten. Das geht freilich selten gut; in der Regel sehen sich die Polizisten mit bewaffneten Bauern konfrontiert, die in Dorfstärke ihren kostbaren Besitz verteidigen. Nun hat im Libanon wohl kaum einer etwas gegen den Haschisch-Konsum per se, denn die Libanesen sind insgesamt betrachtet tolerante Leute. Es geht jedoch darum, die ohnehin bereits waffenstarrende Hisbollah ein wenig an der Expansion zu hindern. Auch deswegen der große Aufwand mit Checkposten und Felder-Vernichtungen. Unser unfreiwilliger Halt an der Kontrolstation endet glücklicherweise nach wenigen Minuten. Wir dürfen wieder einsteigen, und unsere Fahrt in Richtung Beirut fortsetzen. Entspannung. Rückblende: Ein paar Tage zuvor bin ich in Baalbek unterwegs, um mir die berühmten Tempelruinen anzusehen und mal zu checken, wie sich die lokale Versorgungslage mit leckerem Harz gestaltet. Gleich am Eingang des Ortes, direkt vor meinem Hotel, stolpere ich über ein riesiges Gebüsch aus weiblichen Pflanzen, die da in einer Art städtischer Grünanlage wachsen. Es ist erst September, daher stehen die Schwestern gerade mal kurz vor dem Anfang ihrer Blüte. Doch bereits jetzt ist deren Potential auszumachen. „Das lässt sich ja gut an", denke ich, während ich wohl gelaunt in mein Zimmer einchecke. Am Nachmittag mache ich mich auf den kurzen Fußweg in den Basar von Baalbek, wo ich hoffe, erste Informationen zur Verfügbarkeit und Qualität lokaler Harzprodukte zu erhalten. Auf den ersten Blick wird deutlich, dass die Stadt, anders als die umliegenden Dörfer, nicht mit Geld sparen muss. Eine gepflegte Fußgänger-Passage, zahlreiche Boutiquen. Das liegt vor allem daran, dass Baalbek die Hisbollah- Hochburg des Libanon schlechthin ist. Es fließen Gelder aus dem Iran. Daneben dürfte jedoch auch der eine oder andere Narko-Dollar seinen Weg ins öffentliche Leben des vergleichsweise aufgeräumten Basars finden. Meine Suche gestaltet sich indes schwierig. Wer bereits einmal in den Städten des Rif-Gebirges unterwegs war, und gewöhnlich fast zum Kauf entsprechender Produkte genötigt wurde, der erlebt hier im Libanon sein blaues Wunder. Keine Straßendealer, die immer einige Gramm guter Qualität mit sich führen oder diese schnell besorgen können. Es wird klar: Infolge des niedrigen Touristenaufkommens, existiert hier auch keine Infrastruktur, die einen entsprechenden Straßenhandel vorsehen würde. Die Besucher der Tempelruinen sind größtenteils Gruppentouristen im gesetzten Alter, die als Kunden kaum zur Verfügung stehen. Die Ware geht schlichtweg en gros von den Feldern der Bauernfamilien an die Großhändler. Vor Ort verbleibt nur, was man für sich selbst (und einen gelegentlichen kleinen Nebenverdienst) benötigt. Man kennt und hilft einander, wenn Bedarf besteht. Nach Stunden des Herumhängens gelingt es mir, in einem Teehaus einen Mann in den Dreißigern kennenzulernen. Bei mehreren Tees kommen wir ins Gespräch, und er berichtet, dass gerade zwei Tage zuvor in der Nähe Baalbeks eine größere Gras-Vernichtungsaktion der Polizei stattgefunden habe. Daher sei es momentan auch schwierig, eine Bauernfamilie auf ihren Feldern zu besuchen. Zu groß sei die Angst um den Verlust des Einkommens. Das kann man irgendwie verstehen. So sitzen wir da und unterhalten uns — über die Zukunft des Libanon, die Situation im Nahen Osten und die Renaissance des Roten Libanesen, der auf den Weltmärkten nun wieder häufiger gehandelt wird. Ich erfahre, dass die rote Farbe des hier geernteten Haschischs auf den langen Verbleib der Pflanzen auf den Feldern zurückzuführen ist und keinesfalls, wie oft behauptet, auf Verunreinigungen mit rotem Sand. Das vergleichsweise trockene Klima des Bekaa-Tals macht die späte Ernte möglich, ohne, dass die reifen Buds schimmeln würden. Irgendwann ruft mein Gesprächspartner einen jungen Mann zu uns an den Tisch und raunt ihm einige Worte zu. Dann verschwindet der Junge. Minuten später wird mir klar, was gerade eben geschehen ist und wie das Spiel hier läuft. Der junge Mann kehrt zurück und übergibt meinem Gesprächspartner diskret ein kleines Piece. Ein älterer Mann am Nachbartisch lächelt wissend. Ob ich das Piece haben möchte, fragt mein Gesprächspartner. Ich bejahe und frage naiv nach dem Preis für die geschätzten fünf Gramm, die da zwischen Teetasse und Zigarettenschachtel liegen. Fast beleidigt erwidert er: „Das ist ein Geschenk an dich." Ich revanchiere mich mit weiteren Tees, und so quatschen wir bis in den Abend hinein. Am Ende verlasse ich mit ein paar Gramm Rotem von bester Qualität das Café. Das Dope ist weich, fast tiefrot, und es duftet aromatisch. Die Wirkung liegt irgendwo zwischen High und angenehm entspannend. „Ja", denke ich, während ich mich in der lauen Abendluft meiner neuen Errungenschaft widme, „genau wie der Libanon; sonnenverwöhnt, anregend anders und zugleich anheimelnd vertraut — Alhamdullillah!"