Bibel und Babel

Bei einer jüdischen Festtafel wurde ein Rabbiner von einem Laien ganz energisch belehrt, daß die jüdischen Bräuche und die jüdische Religion eigentlich von den Juden aus Babylon übernommen wurden. Es geschah dies mit jener geringen Pietät, die sich Halbgebildete dem religiösen Empfinden und dem Rituale gegenüber gestatten. Vielleicht, daß die folgenden Zeilen solche Vorkommnisse vermeiden helfen, so wenig auch an dieser Stelle über die Bibel-Babel-Frage gesagt werden kann. Geprägt wurde diese unheilstiftende Alliteration von dem hervorragenden Assyrologen Friedrich Delitzsch, der im Jahre 1902 in Gegenwart Kaiser Wilhelms IL einen Vortrag über seine babylonischen Funde, über die Entzifferung babylonischer Keilinschriften hielt, die aus der Zeit des großen Herrschers Hamurabbi stammen. Er wollte nachweisen, daß die babylonische Religion eine hohe Entwicklung erreicht hatte, durch die sie zum Teil höher stand als die jüdische, die ihr einen grollen Teil ihrer grundlegenden Mythen und Riten verdankt. Dies alles hat damals große Erregungen in jüdischen und namentlich in christlichen Gelehrtenkreisen hervorgerufen, es erschienen viele Gegenschriften, die Delitzschs Behauptungen widerlegten, dessen erfolgreichster Opponent Hermann Gunkel war. Drei Parallelen führt Delitzsch an: die Schöfungsgeschichte und die Sintflutsage sollen von der Bibel dem babylonischen Mythos entnommen sein und auch der Sabbat wäre eine babylonische Einrichtung. Obwohl nun in der babylonischen Erzählung von der Weltschöpfung einige Ähnlichkeiten mit der biblischen vorhanden sind, ist es absolut nicht gelungen, eine geschlossene Parallele über die Schöpfungsgeschichte der Bibel in den Keilschriften zu finden. Wasser und Finsternis sind beiderseits Merkmale des Urzustandes. Tihamat, die Personifikation der Urflut bei den Babyloniern, kehrt im Worte Tehom der biblischen Schöpfung wieder. Der babylonische Weltbildner Marduk ist ein Lichtgott, auch der Gott Israel schafft zuerst das Licht. Die gegenwärtige Welt kommt beiderseits durch Spaltung der Flut zustande, die Tage der Schöpfung haben dieselbe Reihenfolge, der gesamte babylonische Mythos wurde auf sieben Tafeln geschrieben, deren letzte von keiner Arbeit berichtet, vielmehr Lobgesänge der Götter auf den Schöpfergott enthält. Das wäre so ziemlich alles, was an Ähnlichkeit nachweisbar ist. Selbst wenn das jüdische Volk Einzelheiten übernommen hätte, so ist doch ganz eigentümlich und merkwürdig, in welch vornehmer Weise dies alles verarbeitet wird. Original jüdisch ist die Erschaffung der Welt durch das Wort eines gütigen Gottes, der das gesamte All in Liebe ordnet. Bei den Babyloniern geht ein heftiger Kampf zwischen Tihamat und Gilgamesch voran, Tihamat, der Urdrache, wird gespalten, aus ihm löst sich das Weitenei, und aus diesem geht die Materie für die Schöpfung hervor. Den Flüssen des Paradieses steht ein segenspendender Kanal gegenüber, den die Götter gegraben hatten. Dem Paradiese dient als Parallele ein Garten mit Edelsteinbäumen, auch für den Baum der Erkenntnis wird ein Gegenstück genannt. Denn Adab, der erste Mensch, verliert die Unsterblichkeit, weil er ungehorsam gegen seinen Gott Ea sich weigert, Lebenstrank und Lebensspeise zu genießen. Ähnlich wird die Sintflutsage erzählt. Die Götter der Stadt Schuriak am Euphrat hatten beschlossen, die Menschen durch eine Sturmflut zu vernichten, was sie dem Utna Pischtin verkündeten mit dem Befehle, ein Schiff zu bauen, um sich, seine Familie und seine Tiere zu retten. Seine Mitbürger mußte der Götterliebling über Zweck und Ziel seiner Vorbereitungen belügen. Das Unwetter tötete alle Menschen, sie wurden wieder zu Lehm, was sie früher gewesen waren, und selbst die Götter mußten in die höchsten Stellen des Himmels flüchten. Wie in der Bibel werden Vögel ausgesandt, eine Taube, eine Schwalbe, die zurückkehren, bis endlich ein Rabe ausbleibt. Als der Mensch sein Schiff verlassen hatte, stritten die Götter, wer das Unheil angerichtet habe, und Bel zürnte, daß überhaupt ein Mensch gerettet worden sei. Auch hier finden wir einige Äußerlichkeiten dem biblischen Berichte ähnlich, aber ihr sittlicher Gehalt, ihre Harmonie und die innere Folgerichtigkeit erheben die biblischen Sätze weit über dieses erbärmliche Göttergezänke, das die Menschenschicksale bestimmen sollte. Gerade im Vergleich mit den Mythen von Babylon erweist sich die sittliche Kraft der Hebräer, die alles, was sie in sich aufnehmen, einem einzigen Gott, einem ewigen Gesetze unter ordnen, dem Willen eines starken und gerechten Herrn. Dies tritt besonders hervor beim Sabbat, dem Ruhetage in der Schöpfung, den auch die Babylonier kannten (Sabbatu). Ihnen aber war er der Tag der bösen Geister, der Tag, an dem keine Arbeit unternommen werden durfte, weil diese nicht erfolgreich sein konnte. Man halte dagegen den Gedanken des jüdischen Sabbat. Der Tag soll ein heiliger Ruhetag sein, ein Ruhetag auch für Knecht, Magd und das Vieh, ein Tag der Heiligung, der seelischen Reinheit, der Erhebung zu Gott, der Vereinigung mit dem Allerhöchsten. Dieser Sabbat hat die ganze Kulturwelt erobert. Talmud Zitate Friedrich Delitzsch war der Sohn eines Bibeforschers, der seinem Beruf mit Leidenschaft anhing. Wie Friedrich später anläßlich seines letzten Werkes „Die große Täuschung" erzählte, hat ihn die Passion seines Vaters für das Alte Testament und dessen tiefe Gläubigkeit zum Haß oder wenigstens zum Widerwillen gegen dieses Buch herangebildet. Es wird berichtet, daß nach dem aufsehenerregenden Vortrage „Bibel — Babel" Kaiser Wilhelm seine Genugtuung darüber ausgesprochen habe, daß dem Judentum mit diesem Material Abbruch geschehe. Insoferne gibt die Wissenschaft ihm Recht, daß man die einheitliche Offenbarung durch Entwicklung zu ersetzen hat, und Delitzsch zeigte einen der Wege, welchen die Entwicklung genommen hat. Falsch ist nur, daß man in der Bibel ein Plagiat zu sehen hätte, und daß man nun das unvergängliche Verdienst des Judentums schmälern und die Babylonier als die Urquelle des Alten Testamentes ansehen wollte. In seinem Werke „Die große Täuschung" hat Delitzsch die Bibel geradezu als ein Plagiat behandelt und so getan, als ob es eine Schande wäre, wenn ein Gelehrter von einem Lehrer etwas übernommen habe oder für ein Volk, wenn es von einem Nachbarn lernte. Wie vorsichtig man aber mit solchen Behauptungen sein muß, zeigen gerade neue Ausgrabungen, welche beweisen, daß Delitzschs Voraussetzungen grundfalsch waren. Neueste Untersuchungen amerikanischer Assyrologen beweisen, daß die berühmten gemeinsamen Bibel- und Babelgeschichten: die Sintflut, Urgeschichte usw. in uralter Zeit in westsemitischer Sprache und Gedankenform zu den Babyloniern kamen und dort zwar wortwörtlich, aber nicht immer sinngemäß ins Akkadische übertragen wurden. (Siehe Albert T. Clay in seinem neuesten Werke: „A hebrew deluge story in cuneiform". New Haven, Yale University press.) Für uns ist Folgendes wichtig: Sicherlich haben die Juden in der Form vieles von ihren Nachbarn angenommen, der Inhalt ihrer Lehre aber war einzigartig, die Entwicklung zu den Propheten hin von solch sittlicher Größe, daß ihre Lehre bis zum heutigen Tage für unsere Kultur richtunggebend geblieben Ist.